scoringBeim Scoring werden Personen einem Punktebewertungsverfahren unterzogen. Der ermittelte Punktwert (engl. score) soll die Wahrscheinlichkeit für ein zukünftiges Verhalten der Person angeben. Wirtschaftliche Bedeutung hat das Scoring bei der Beurteilung kreditorischer Ausfallrisiken, d.h. der Beantwortung der Frage, ob ein Geschäftspartner zukünftig in der Lage sein wird, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. In Deutschland wird das Scoring kommerziell von Auskunfteien betrieben.

Bei der Ermittlung eines Score wird eine Person auf Grund ihrer vorliegenden Daten (z.B. Geburtsdatum, Geschlecht, Familienstand, Adresse) einer passenden Vergleichsgruppe zugeordnet.

Das historische Zahlungsverhalten der Gruppe wird auf die zu bewertende Person projiziert: der Score der Person ist „berechnet“.

Was streng mathematisch klingt, könnte auch einer Kaffeesatzleserei nahe kommen. Die Auskunfteien verweigern eine Offenlegung ihrer Algorithmen mit Hinweis auf ihr Geschäftsgeheimnis, eine behördliche Genehmigung oder Überprüfung der Verfahren findet nicht statt. Für den Verbraucher ist der Zusammenhang zwischen seinen Daten und dem errechneten Score daher kaum nachvollziehbar oder überprüfbar.

Während das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) bei Behörden und sonstigen staatlichen Institutionen greift, eröffnen sich auf Seite der Privatwirtschaft große datenschutzrechtliche Lücken. Ein Beispiel aus dem Insolvenzrecht illustriert diese Kluft. Im Rahmen der Privatinsolvenz wird ein Schuldner nach Ablauf der „Wohlverhaltensphase“ von sechs Jahren aus dem Schuldnerverzeichnis gelöscht. Für Auskunfteien gelten diese Löschfristen nicht. Die Unternehmen können die Eintragungen aus den öffentlichen Schuldnerverzeichnissen entnehmen, ohne jedoch mit den Löschungen gleichziehen zu müssen. In den Score können Insolvenzinformationen noch lange nach der Löschung aus dem öffentlichen Verzeichnis eingehen. Die Idee einer zweiten Chance, die der Privatinsolvenz zu Grunde liegt, wird staatlich umgesetzt, aber privatwirtschaftlich konterkariert.

Darüber hinaus fehlt es den Behörden oft an wirksamen Möglichkeiten datenschutzrechtliche Verstöße der Auskunfteien zu ahnden. Der im BDSG festgelegte Bußgeldkatalog lässt viele Verstöße, die das Scoring betreffen, außer Betracht. Den Behörden fehlt damit die Möglichkeit zur Gewinnabschöpfung.

Bei einem ungerechtfertigten Score bleibt Betroffenen nur der aufreibende und teure Weg einer Zivilklage, um Rechte auf Korrektur oder Löschung durchzusetzen. Ein Recht darauf, keinem Scoring-Prozess unterworfen zu werden, existiert derzeit nicht.

Die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Kommission nimmt sich dieser Probleme an und will die Rechte der Verbraucher und der Aufsichtsbehörden deutlich stärken. Eine Umsetzung in europäisches und nationales Recht steht jedoch noch aus.

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Band 1 der Schriftenreihe Digitalisierung: Scoring – Der Blick in die Kristallkugel
In meinem Artikel Autonome Akteure